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Streeruwitz, Marlene:
Jessica, 30
S.Fischer Verlag, Frankfurt
255 Seiten
Preis 9,95 Euro
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Mein Urteil über:

Marlene Streeruwitz:   Jessica, 30

Was für ein Auftakt! In einem Satz, der sich über einundneunzig Seiten hinstreckt, wird der Leser in die Gedanken- und Gefühlswelt von Jessica Sommer hineinkatapultiert, die gerade wieder mal dabei ist, die Folgen ihren nächtlichen Fressorgien (Möwenpick Maple Walnut) durch Joggen wieder gutzumachen. Zumal im Laufe des Vormittags ein wichtiges Meeting in der Redaktion der Frauenzeitschrift ansteht, für die sie zurzeit als freiberufliche Redakteurin arbeitet und da gilt es, schick, cool und vor allem fit auszusehen. Denn dadurch erhöhen sich vielleicht ihre Chancen, dass ihr Vorschlag zu einer neuen Artikelserie über Sex angenommen wird.

Jessica Sommer führt vielleicht nicht ein typisches Frauenleben, was ist schon typisch?, aber ihre Lebenssituation dürfte manchem Leser, egal ob weiblich oder männlich, vertraut sein. Hochqualifiziert, ausgestattet mit einem Doktorat in Kulturwissenschaften von der Berliner Humboldt Universität, schlägt sie sich, frustriert und knapp bezahlt, als freie Journalistin für ein Frauenmagazin durchs Leben, das von ihren beiden Freundinnen Tina und Claudia, herausgegeben wird. Ursprünglich gedacht als feministisches Magazin entwickelt sich das Blatt jedoch in letzter Zeit, wie Jessica feststellt, immer mehr in Richtung eines stinknormalen Frauenklatschblattes.

Ihr Liebesleben sieht ähnlich trübe aus. Eine Liebesbeziehung ist vor drei Jahren zu Ende gegangen und nun fungiert sie als Geliebte eines Staatssekretärs der österreichischen Bundesregierung. Als Gerhard, sie bei einem ihrer Liebestreffen zum Oralverkehr zwingt, während er gleichzeitig mit seiner Frau telefoniert, kommt es zum Bruch zwischen beiden. Nicht nur das Jessica die Beziehung zu ihm abbricht, nein sie beschließt auch, sich für die erlittene Demütigung zu rächen. Denn von Mia, einer früheren Wohnungsnachbarin und Magazinkollegin hat sie erfahren, dass Gerhard sie einmal zwei Tage lang ans Bett gefesselt hat. Sie stellt weitere Recherchen an und erfährt dass ihr Geliebter zusammen mit seinen Parteifreunden Sexparties gefeiert hat, zu denen er junge Prostituierte aus Osteuropa hat kommen lassen, deren Honorar dann über die Parteikasse beglichen wurde.

Im dritten Teil des Romans macht sich Jessica auf den Weg nach Hamburg, um ihr Material der Stern-Redaktion anzubieten.

Nach der Lektüre des Romans fühlt sich der Leser einigermaßen ratlos, denn was soll er auf die Frage "Ist es ein guter Roman, lohnt sich die Lektüre?" antworten. Sicher, Marlene Streeruwitz beobachtet genau und bringt an vielen Stellen des Romans die Mechanismen der neoliberalen Gesellschaft auf den Punkt. Aber neu ist das alles nicht, was sie da schreibt. Und auch die beiden Hauptfiguren, Jessica und ihren Geliebten Gerhard, hat sie meines Erachtens allzu klischeehaft beschrieben. Hier die frustrierte, nach ihrer Stellung in der Welt suchende, tapfere und kämpferische Jessica, dort der zynische, seine Machtstellung ausnutzende Staatsekretär Gerhard. Und gerade im letzten Kapitel fand ich ihre Stellungnahmen zur österreichischen Tagespolitik, angefangen von den Briefbomben bis hin zu ihrer Kritik an der Koalition zwischen der Österreichischen Volkspartei und der FPÖ des Jörg Haider zwar in der Sache richtig, im KOntext des Romans aber eher unwesentlich.

Also, sollte man den Roman lesen? Das erste Kapitel auf jeden Fall. Denn der Gedankenstrom ihrer Hauptfigur, den die Autorin da vor uns ausbreitet, der ist wirklich gut geschrieben und absolut lesenswert. Ob Sie dann noch weiterlesen, das bleibt Ihre Entscheidung.


                       © Jürgen Heße, Januar 2005

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