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Uwe Timm:
Am Beispiel meines Bruders
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln
159 Seiten
16,90 Euro


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Mein Urteil über:

Uwe Timm:   Am Beispiel meines Bruders

Uwe Timm hat ein sehr persönliches, intimes Buch geschrieben. Keinen Roman, keine Erzählung, sondern eine einfühlsam zusammengestellte Reihe von Notizen, Reflexionen und Erinnerungen, in deren Zentrum die eigene Familiengeschichte und vor allem der ältere Bruder, Karl Heinz, steht, der sich mit achtzehn Jahren freiwillig bei der SS meldet und neunzehnjährig an seinen schweren Kriegsverletzungen in der Ukraine stirbt.

Wer war dieser ältere Bruder, an den der Autor nur noch vage Erinnerungen hat - der Autor war, als sein Bruder starb, drei Jahre alt - der in den Erzählungen der Eltern als Retter des kleinen Kürschnerbetriebes idealisiert wurde und dem kleinen Uwe als Vorbild dargeboten wurde.

Schon lange, schreibt Uwe Timm, hatte er vorgehabt über seinen Bruder zu schreiben. Aber dann brauchte es doch den Abstand vieler Jahrzehnte, und den Tod von Mutter und Schwester, dass er frei war "über ihn zu schreiben, und frei meint alle Fragen stellen zu können, auf nichts, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen." Im Mittelpunkt von Timms Annäherung an das Leben seines Bruders, der Rekonstruktion seines Lebens, steht die Frage nach dem Warum. Was war das für ein Junge, der nach Aussagen der Mutter eher unscheinbar, kränklich, an Blutarmut leidend war, der hin und wieder einfach verschwand, sich in ein kleines Versteck zurückzog, um dort heimlich Bildbände über wilde Tiere zu lesen, und der sich mit achtzehn Jahren freiwillig bei der SS meldete. Gab es Vorbilder in der Familie, die ihn zu dieser Entscheidung bewogen. Die Mutter war dagegen, der Vater dafür. Und so ist dieses Buch nicht nur eine Erinnerung an den früh verstorbenen Bruder sondern auch eine nüchterne und unsentimentale Auseinandersetzung mit dem Vater, die Uwe Timm geschrieben hat.

Der Vater: gelernter Kürschner, Tierpräparator, freiwillige Teilnahme am Ersten Weltkrieg, Mitglied eines Freikorps, das im Baltikum gegen die Bolschewisten kämpfte, im Zweiten Weltkrieg dann Offizier bei der Luftwaffe, baut sich nach Kriegsende einen kleinen Kürschnereibetrieb auf, der sich aber gegen die Konkurrenz der großen Betriebe nicht lange halten kann. Ein ganz normales deutsches Familienschicksal ist es, was Uwe Timm hier am Beispiel seiner eigenen Familie hier schildert. Mit all den Verdrängungen, die damals in der Adenauerära herrschten. Das Reden von der "sauberen Wehrmacht", der "sauberen Luftwaffe" und der "sauberen SS", die alle nichts mit den Judenvernichtungen, den Massenerschießungen russischer und polnischer Kriegsgefangener zu tun gehabt haben wollten.

Wiederholt bezieht sich Uwe Timm auf das Buch des Historikers Christopher Browning "Ganz normale Männer",in dem er das mörderische Wirken des Polizeibataillons 101 in Polen beschrieb, dessen Mitglieder eben ganz normale Männer waren, die dann unvorstellbar grausame Taten begingen und fragt sich, wie hätte mein Bruder, wie hätte mein Vater sich damals verhalten, wäre er zu einem derartigen Einsatz abkommandiert worden. Immer wieder setzt sich Uwe Timm mit den knappen, oftmals nur stichwortartigen Tagebuchaufzeichnungen seines Bruders auseinander. Die Kälte, ja die Unbarmherzigkeit der Aufzeichnungen, machten es ihm lange Zeit unmöglich , die Erinnerungen seines Bruders zuende zu lesen. Warum finden sich keine Bemerkungen über das Leid und Elend, dass er zweifellos gesehen haben muss, in seinen Notizen, fragt sich Uwe Timm. War er so weit von der nazistischen Ideologie beeinflusst, dass auch für ihn die russische Bevölkerung nur bolschewistische Untermenschen waren, die es auszurotten galt.

Auf all diese Fragen hat auch Uwe Timm keine abschließende, endgültige Antwort. Uwe Timm will weder verurteilen, erklären noch rechtfertigen. Er will lediglich versuchen zu verstehen und es ist die Bescheidenheit des Ansatzes die dieses kleine Buch zu einem großen Buch macht.

Mich hat die Lektüre dieses Buches sehr nachdenklich gemacht. Es ist für mich eines der besten und wichtigsten Bücher, die ich in der letzten Zeit zu diesem Thema gelesen habe. Seine Lektüre kann ich unbedingt empfehlen.



                           © Jürgen Heße, Oktober 2003

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