Mein Urteil über:
Ilija Trojanow "Der Weltensammler"
Als Jugendlicher, so mit zwölf, dreizehn Jahren, zählten Expeditionsberichte eine Zeit lang zu meiner bevorzugten Lektüre. Die großen Entdeckungsfahrten von Columbus, da Gama oder Magellan, die Eroberung des Inka- und Mayareiches durch die Spanier, die Entdeckungsreisen Stanleys in Afrika oder die Versuche von Scott und Amundsen Nord- und Südpol zu erreichen, all diese Berichte habe ich mit damals mit heißen Wangen regelrecht verschlungen.
An diese schönen Leseerlebnisse, wobei ich jetzt nicht behaupten will, dass es danach keine mehr gegeben hätte, wer sich im Büchersee ein wenig umschaut, wird das rasch feststellen, fühlte ich mich erinnert, als ich jetzt "Der Weltensammler" von Ilija Trojanow las. Denn mit Recht wird dieser Roman als Abenteuerbuch für Erwachsene bezeichnet.
Der Held von Trojanows Roman ist der britische Offizier, Spion, Abenteurer, Übersetzer Richard Burton, der von 1821 bis 1890 gelebt hat. Auf drei Reisen, die Burton unternommen hat, nimmt uns der Autor mit. Im ersten Abschnitt begleiten wir Burton nach Indien, im zweiten, wie er, als persischer Arzt getarnt, als einer der ersten Europäer überhaupt, nach Mekka und Medina reiste und im dritten und letzten Abschnitt schleppen wir uns mit ihm durch den afrikanischen Urwald auf der Suche nach den Nilquellen und den großen afrikanischen Seen.
Allen drei Abschnitten ist gemeinsam, dass sie keine Reiseberichte im klassischen Sinne sind. Das heißt, wir erfahren wenig über die Reiserouten oder wie lange einzelne Etappen bzw. die gesamte Expedition gedauert hat. Stattdessen liefert uns Trojanow sehr viel atmosphärisches und das auf solch eine excellent gute Weise, das man als Leser das Gefühl hat, tatsächlich vor Ort zu sein. Dabei bedient sich der Autor eines literarischen Kniffs, indem er nämlich über weite Strecken seines Buches, nicht den Helden selbst, sondern Diener und andere Zeugen über ihn berichten lässt. Bewundernswert ist wie Trojanow hier immer den richtigen Tonfall findet, so dass der Leser immer das Gefühl hat, ja genauso muss es gewesen sein, damals vor 150 Jahren.
Über den Menschen Burton erfahren wir wenig, nur Bruchstückhaftes. Ein besessener Sprachenlerner muss er gewesen sein, beseelt von dem Willen, so tief wie irgend möglich in die Fremde Kultur einzudringen, ja mit ihr zu verschmelzen. Verleger und Übersetzer war er auch; er brachte unter anderem die erste englische Übersetzung des Kamasutra heraus, was im Zeitalter des Viktorianismus zu entsetzten Aufschreien geführt hat.
Kurz und gut: Der Weltensammler ist ein rundum gelungenes Buch, das mir überaus gut gefallen hat.
© Jürgen Heße, Juli 2007
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