Mein Urteil über:
Hans-Ulrich Wehler:
Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914 - 1949
Vor kurzem ist der vierte Band der auf fünf Bände angelegten Deutschen Gesellschaftsgeschichte des Historikers Hans - Ulrich Wehler erschienen. Schon jetzt kann Wehlers Werk zu den großen Werken der deutschen Geschichtsschreibung gerechnet werden. Wie auch seine Vorgänger wird auch der vierte Band, der die Zeit vom Beginn des Ersten Weltkrieges,1914, bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1949, von der Kritik einhellig als Meisterleistung gefeiert.
Der britische Historiker Richard J. Evans gibt in seiner in der Frankfurter Rundschau vom 8. Oktober 2003 erschienenen Besprechung einen guten und differenzierten Überblick über die zentralen Fragestellungen dieses Werkes.
RICHARD J. EVANS
Kursänderung
Mit dem vierten Band kommt Hans-Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte in der NS-Zeit an
Gleich einem majestätischen Ozeanriesen dampft Hans-Ulrich Wehlers Deutsche Gesellschaftsgeschichte ins 20. Jahrhundert. Die beiden ersten Bände erschienen 1987 und behandelten auf 1500 Seiten die Periode 1700 bis 1848, 1995 wurden sie gefolgt von einem dritten Band mit wiederum 1500 Seiten (1848 - 1914).
Der jetzt erschienene, vierte Band führt die Geschichte von 1914 bis 1949 fort; doch mit ihm begibt sich das Projekt in neue Gewässer. Wehler hat den größten Teil seiner Forscherkarriere dem 19. Jahrhundert und dem wilhelminischen Kaiserreich gewidmet und bislang außer Rezensionen und historiographischen Essays kaum etwas über die in seinem neuen Buch behandelte Periode geschrieben. Außerdem sind die historischen Strömungen und Wirbel der Zeit von 1700 bis 1914 vergleichsweise harmlos in Anbetracht der hohen Wellen, denen das Projekt in den 35 Jahren vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik begegnet.
Wie gut hat der Kapitän diese stürmischen Gewässer gemeistert? Wie weit war er in der Lage, sein mächtiges Schiff auf dem einmal eingeschlagenen Kurs zu halten?
Das ganze Projekt, vor genau dreißig Jahren in einem Nachwort zu Wehlers kurzer, doch einflussreicher Geschichte des Deutschen Kaiserreichs angekündigt, war ursprünglich als eine Synthese aus marxistischen und weberianischen Zugängen zur deutschen Geschichte konzipiert, wobei Weber unzweifelhaft der Vorrang vor Marx eingeräumt wurde. Das Ziel war eine Strukturgeschichte im Unterschied zu einer narrativen Geschichte, wobei die Grundbedingungen der einzelnen Perioden in Strukturbedingungen und Entwicklungsprozesse der Wirtschaft, der sozialen Ungleichheit, der politischen Herrschaft und der Kultur eingeteilt sowie die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen dargelegt wurden.
Wehlers Erkenntnisinteresse richtete sich auf die Ursachen des Zusammenbruchs liberaler, zivilisierter und humaner Werte in Deutschland zwischen 1918 und 1945, die für ihn darin bestanden, dass sich die Wirtschaft modernisiert habe, während Gesellschaft, Politik und Kultur dies weitgehend versäumt hätten. Strukturen der Ungleichheit, autoritäre Einstellungen und Praktiken sowie eine feindselige Ablehnung der Moderne hätten bis 1914 angedauert und der folgenden Periode ein unheilvolles Erbe hinterlassen.
Im dritten Band hatte Wehler viele seiner Ansichten unter dem Einfluss von zwei Jahrzehnten Forschungsarbeit so zahlreicher Historiker zu diesen Themen revidiert und akzeptiert, dass die deutsche Gesellschaft und Kultur ein ganzes Stück moderner waren, als er zunächst angenommen hatte. Die Korrekturen, die er an dem ursprünglichen Schema des Projekts im jüngsten Band vornehmen musste, gehen sogar noch weiter. Allein wegen Tempo und Komplexität der Ereignisse in den Jahren 1914 bis 1949 beispielsweise musste er einen weitaus größeren Anteil narrativer Geschichte aufnehmen als in den vorherigen Bänden.
Den Ursprüngen des "Dritten Reichs" vor 1914 nachzugehen, wie Wehler das in den früheren Bänden getan hat, ist eine Sache; den Prozess des Aufstiegs des Nationalsozialismus und die konkrete Geschichte des "Dritten Reichs" selbst zu schildern und zu analysieren, wie er es sich hier vorgenommen hat, etwas ganz anderes.
Beispielsweise wurde die Anordnung der Abschnitte geändert; ursprünglich wurde der Wirtschaft anscheinend eine größere Erklärungskraft zugebilligt, da Wehler sie den Abschnitten über Gesellschaft, Politik und Kultur vorangestellt hatte. In seiner Darstellung der Jahre 1933 - 1945 erhält nun der Abschnitt über die Politik den vordersten Platz, worin man vielleicht ein Zugeständnis an den "Primat der Politik" während der nationalsozialistischen Herrschaft sehen kann.
Wie diese Umstellung nahe legt, dürfte Wehler zudem bei der Arbeit am vorliegenden Band auf weit größere Schwierigkeiten gestoßen sein, übergreifende Kausalbeziehungen zwischen den vier von ihm untersuchten Bereichen aufzufinden. Und die Nachteile seines sehr eng gefassten Begriffs von Kultur, der sich bei ihm auf Religion, Bildung, Literatur und die Medien beschränkt, treten hier noch offensichtlicher als bisher zutage: Kunst und Musik werden überhaupt nicht behandelt, trotz ihres zentralen Stellenwerts für die Weimarer Kultur und der wichtigen Rolle, die sie in der Kulturpolitik des Reichspropagandaministeriums unter Joseph Goebbels gespielt haben.
Wehler hebt die Unterschiede zwischen diesem und den drei ersten Bänden noch hervor, wenn er zutreffend feststellt, dass der Erste Weltkrieg einen großen Teil der Welt vernichtete, die er in diesen früheren Werken beschrieben hatte: "Nach dem Krieg war fast alles anders." Das stellt den ursprünglichen Versuch, den Aufstieg des Nationalsozialismus primär durch den Rückgriff auf die Kontinuitäten der deutschen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert zu erklären, vor ernste Probleme.
Außerdem werfen die Katastrophen der Periode nach 1914 auf das Deutsche Kaiserreich im Rückblick ein relativ günstiges Licht. Mit der Darlegung der Gründe für den Zusammenbruch des Kaiserreichs revidiert Wehler seine überwiegend negative Sicht vor dreißig Jahren noch weiter: Wer hätte 1973 gedacht, dass Wehler am Kaiserreich einmal dessen "hohes Maß an Rechtssicherheit, politische Teilhaberechte wie nur wenige westliche Staaten, sozialpolitische Leistungen wie sonst nur Österreich und die Schweiz, Freiräume für entschiedene Kritik, Erfolgserlebnisse für die Opposition, Meinungsfreiheit mit seltenen Zensureingriffen, Bildungschancen, Aufstiegsmobilität, Wohlstandsanstieg" rühmen würde? Und wer hätte gedacht, dass er seine Leser vor dem Fehler warnen würde, alles in der neuesten Geschichte Deutschlands "im Lichte von Auschwitz" zu sehen?
Dessen ungeachtet sind noch Spuren der ursprünglichen Hypothese des Projekts vorhanden. Das Bildungsbürgertum beispielsweise, dessen Stimmen so viel dazu beigetragen hatten, den Nationalsozialisten Anfang der dreißiger Jahre solche Wahlerfolge zu bescheren, wird als eine zutiefst antimoderne soziale Gruppe gesehen; die Eliten waren nicht bereit, "rechtzeitig die politische Modernisierung einzuleiten", und überlebten nach 1918 nur, um die Weimarer Republik in dem Bemühen zu untergraben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Die Republik selbst war in den Augen Wehlers durch ihre Kontinuitäten mit der Vergangenheit schwerwiegend kompromittiert.
Weber spielt in der Analyse des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle, da Wehler hier den Begriff des Charismas wesentlich überzeugender einsetzt als im vorhergehenden Band im Hinblick auf Bismarck. Das bedeutet natürlich, dass Hitler in seiner Darstellung einen zentralen Platz einnimmt, und Wehler teilt ganz sicher nicht die vor einigen Jahren beispielsweise von Hans Mommsen vorgetragene Ansicht, Hitler sei ein "schwacher Diktator" in der Gewalt der dynamischen Strukturen der nationalsozialistischen Herrschaft gewesen.
Auf der anderen Seite hat die Akzentuierung von Hitlers Charisma trotz ihrer Plausibilität zur Folge, dass Wehler den Grad der Zustimmung überschätzt, die die NS-Herrschaft erzeugte, und in einer für viele jüngere Arbeiten über das "Dritte Reich" typischen Manier die extremen terroristischen und repressiven Praktiken herunterspielt, mit denen das Regime seine Gegner zur Unterwerfung zwang und die Neutralen oder Gleichgültigen durch Einschüchterung dazu brachte, sich seinen politischen Maßnahmen zu fügen oder nach außen hin Begeisterung für das Regime an den Tag zu legen.
Und zu behaupten, die Resonanz, die Hitler in der kollektiven Mentalität der Deutschen gefunden habe, sei nicht zuletzt Ausdruck einer deutschen Neigung, "in Krisen auf das Handeln großer historischer Individuen zu vertrauen", ist ein Rückfall in eines der ärgsten Klischees des geistesgeschichtlichen Zugangs zur älteren deutschen Zeitgeschichte, wie er von deutschen Exilhistorikern um die Mitte des 20. Jahrhunderts oder von britischen Propagandisten während des Zweiten Weltkriegs vertreten wurde.
Nach alledem kann es nicht mehr überraschen, dass Wehler den in seinen Augen alten Eliten bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 eine besondere Rolle zuweist. Trotzdem sieht er in 1933 eine echte Revolution und keine Konterrevolution, in der das Alte brüsk und keineswegs legal beiseite gefegt wurde; es gab eine dramatische Auswechslung der Eliten, bestehende Sozialstrukturen wurden umgestoßen und neue Formen der politischen Legitimation eingeführt. Das macht es noch schwerer zu sehen, wie Wehlers ursprüngliche Kennzeichnung des NS-Regimes als Höhepunkt der konterrevolutionären Kontinuitäten in der deutschen Geschichte aufrecht erhalten werden kann.
Wehlers These einer genuinen nationalsozialistischen Revolution bietet viele Angriffsflächen; er übertreibt das Ausmaß des Bruchs, den 1933 in der deutschen Geschichte bedeutete, und er übergeht etwas zu nonchalant den Nachdruck, mit dem die Nationalsozialisten auf die Kontinuitäten ihres Regimes mit den Traditionen der deutschen Vergangenheit Wert gelegt haben. Sie bringt ihn in echte Schwierigkeiten im Bereich der sozialen Mobilität, die von Revolutionen zweifellos gesteigert wird, und die andererseits einem Postulat der Modernisierungstheorie zufolge mit einer politischen Demokratisierung Hand in Hand gehen muss.
Und wenn wir zum Thema der nationalsozialistischen Judenvernichtung kommen, verträgt sich Wehlers Argument, der Antisemitismus gehe selbst in seiner mörderischen Form weit mehr auf ein altes Vorurteil zurück als auf den Geist der modernen Naturwissenschaft, weder besonders gut mit seiner These, der Nationalsozialismus sei eine revolutionäre Kraft gewesen, noch mit seiner im dritten Band vertretenen Meinung, der politische Antisemitismus sei ein hauptsächlich modernes Phänomen.
Letztlich stützte sich praktisch jede andere Form einer physischen, in den meisten Fällen schließlich mörderischen Diskriminierung durch die Nationalsozialisten auf langfristige Strukturen der Stigmatisierung und sozialen Marginalisierung, ob es um Körperbehinderte, Homosexuelle, Slawen, Verbrecher oder Geisteskranke ging; doch es ist der Übergang zu politischen Maßnahmen wie der Sterilisierung, Verhaftung und dem geplanten Massenmord, der erklärt werden muss, und wer behauptet, diese seien vor allem aus den nationalsozialistischen Begriffen einer modernen Evolutions- und rassenbiologischen Wissenschaft ableitbar, der muss deshalb nicht, wie Wehler anzunehmen scheint, in sein Schwarzbuch der theoretischen Häresien als Foucaultianer eingetragen werden.
Es gibt noch manches andere in diesem voluminösen Band, über das sich streiten lässt. Doch wie immer beeindruckt Wehler durch die Klarheit seiner Thesen, die Beherrschung einer enormen Fülle an Literatur, die gekonnten Zusammenfassungen von Ereignissen und Interpretationen und durch seine scharfen und entschiedenen Urteile. An jedem Punkt fordert er den Leser heraus mitzudenken, keine geringe Leistung in einem Werk von diesem Umfang. Praktisch jede Seite macht eine konzentrierte Aufmerksamkeit lohnend.
Und wie immer sind Wehlers Fußnoten und die Informationen, die er liefert, eine willkommene Quelle der Unterhaltung und der Entspannung. Als ich mich daran machte, sie durchzuarbeiten, glaubte ich zunächst, das Unmögliche habe sich ereignet und Wehler sei mit dem Alter milder geworden. Wie weit ist es mit ihm gekommen, wenn man liest, ein Buch seines Intimfeindes Geoff Ely sei "anregend"? Aber die Sorgen waren unnötig. Bald war er wieder ganz der Alte, bürstete die Arbeiten von Historikern, von denen er nichts hielt, einfach ab mit Worten wie "ganz unbrauchbar", "reaktionärer Lückenfüller", "bis auf die Bilder ganz und gar überflüssig", "bieder und apologetisch", "rundum missglückt" oder nannte sie eine "in jeder Hinsicht gescheiterte Arbeit". Hätte er auch nur halb so viel sprachlichen Aufwand im Haupttext getrieben, es wäre diesem zweifellos gut bekommen.
Trotz all der Widersprüche, die der Band provoziert und bis zu einem gewissen Grad selbst enthält, steht außer Frage, dass wir es hier mit einer Meisterleistung deutscher Geschichtsschreibung zu tun haben.
Wehler mag sich hier in wenig erforschten Gewässern bewegen, doch fast zu jedem Punkt, den er behandelt, hat er etwas Anregendes und Originelles zu sagen. Allein die Tatsache, dass hier die Perspektiven und Methoden einer Gesellschaftsgeschichte, die in den vergangenen dreißig Jahren entwickelt wurde, mit einer solchen intellektuellen Energie und Ausdauer auf die schwierigste und umstrittenste Periode der deutschen Geschichte angewandt werden, ist ein enormer Gewinn für den Leser.
Was vielleicht am meisten beeindruckt, ist Wehlers durchgehendes und unermüdliches Bedürfnis, zu erklären und zu interpretieren, schwierige intellektuelle Frage zu stellen und dem Leser klare Antworten darauf anzubieten. Zu einer Zeit, in der zu viele Historiker anscheinend nur daran interessiert sind, moralische Urteile über die Vergangenheit abzugeben, ist dieses Buch eine Erinnerung zur rechten Zeit, dass die Hauptaufgabe des Historikers darin besteht, zu verstehen und nicht zu urteilen.
Aus dem Englischen von Udo Rennert
© Frankfurter Rundschau vom 8. Oktober 2003 |