Mein Urteil über:
Colson Whitehead: John Henry Days
Colson Whitehead, ein neuer Stern am amerikanischen Literaturhimmel? Diesen Eindruck konnte man bekommen, wenn man vor kurzem die enthusiasistischen Besprechungen seines Romans "John Henry Days" in den überregionalen Zeitungen las. Und da ich ein Faible für neuere amerikanische Literatur habe, machten mich die Rezensionen, die ich über diesen Roman gelesen hatte, neugierig.
Die Rahmenhandlung des Romans ist schnell erzählt. In Talcott, einem gottvergessenen kleinen Kaff irgendwo in West Virginia sollen erstmals die John Henry Days gefeiert werden. Anlaß ist die Herausgabe einer Sondermarke des US Postal Service, mit der an den Volkshelden John Henry erinnert werden soll. John Henry, ein ehemaliger Sklave, der als Bohrhauer beim Bau des Big Bend Tunnels arbeitete, hatte einst den Wettkampf gegen eine dampfgetriebene Bohrmaschine gewonnen, war aber unmittelbar nach seinem Sieg tot zusammengebrochen. Unzählige Legenden und Folksongs kreisen seitdem um die Gestalt des John Henry. Er ist ein Teil des amerikanischen Gründungsmythos geworden. Und dieser soll jetzt in Talcott gefeiert werden.
Im Mittelpunkt der Romanhandlung steht der schwarze Journalist J. Sutter, der, zusammen mit einer kleinen Gruppe zweitklassiger Reporter, nach Talcott gereist ist, um angeblich über dieses Lokalereignis zu berichten. In Wahrheit hat Sutter jedoch ein anderes Ziel. Er will einen neuen Rekord im Spesenrittertum aufstellen.
Der Roman schildert nun die Ereignisse kurz vor und während des Festivals. Bewegendes geschieht nicht. Es findet ein Jahrmarkt statt, ein Bohrhauerwettbewerb wird abgehalten, für die Menschen, die an der Vorbereitung des Festivals mitgearbeitet haben und für die angereisten Journalisten gibt es das obligatorische Festessen. Und all die vielen kleinen Episoden werden von Whitehead für mein Empfinden manchmal ein wenig zu akribisch dargestellt. Da ist nichts zu spüren von der Vitalität dieses kraftstrotzenden John Henry, und manchmal habe ich mich beim Lesen gefragt, warum das alles.
Die Antwort auf diese Frage ist ein Bild, das ich beim Lesen dieses Romans ständig vor Augen hatte. Blickt man verkehrt herum durch ein Fernglas, so erscheinen die Gegenstände, die man betrachtet, zwar ganz klar und deutlich, jedoch sieht man sie in weiter Ferne. Und würde man jetzt noch verschiedenfarbige Filter vor das Glas legen, dann hätte man unterschiedliche Fernblicke auf den Gegenstand, den man betrachten will.
All die verschiedenen Personen, die uns in diesem Roman begegegen, neben dem bereits erwähnten Reporter Sutter sind dies noch die junge New Yorkerin Pamela, deren verstorbener Vater die größte John Henry Sammlung der Welt zusammengetragen hat und die diese jetzt an das örtliche Museum verkaufen will, ein Philatelist, der alle Briefmarken über Eisenbahnen sammelt sowie das junge Besitzerpaar des Motels, in dem Sutter und seine Kollegen abgestiegen sind.
Jeder von ihnen erzählt uns, ohne dass er es weiß, seine eigene John Henry Geschichte. Und so muss sich der Leser aus den vielen Puzzleteilen, die der Autor ihm anbietet sein eigenes Bild vom Namensgeber des Romans machen.
Das ist über weite Strecken des Romans auch ein durchaus spannendes und unterhaltsames Lesevergnügen. Dennoch hatte ich hin und wieder beim Lesen den Eindruck, dass Whitehead seinen Lesern beweisen will, wie viele literarische Tonarten er beherrscht. Mit anderen Worten, mir fehlte es manchmal an Spannung und erzählerischer Kraft.
Insofern kann ich das enthusiastische Urteil der professionellen Rezensenten nicht ganz teilen. Colson Whitehead hat ohne Zweifel einen lesenswerten, guten Roman geschrieben. Aber die "great american novel" ist es nicht geworden. Man darf aber auf das nächste Buch dieses jungen Autors gespannt sein.
© Jürgen Heße, Mai 2004 |