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Zeh, Juli:
Spieltrieb
Schöffling & Co.,Frankfurt
566 Seiten
24,90 Euro

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Mein Urteil über:

Juli Zeh:   Spieltrieb

Kann eine Gesellschaft ohne moralische Werte existieren? Dieser Frage geht Juli Zeh in ihrem zweiten, jetzt bei Schöffling & Co. erschienenem, Roman "Spieltrieb" nach.

Schauplatz der Geschichte ist das Ernst-Bloch-Gymnasium in Bonn, einer privat finanzierten Schule "die auch jenen verlorenen Geschöpfen, die sich hartnäckig gegen eine Teilnahme an der Kaffeefahrt namens 'verlorene Kindheit' zur Wehr setzten, eine letzte Chance auf Hochschulreife (gewährte). Vorausgesetzt, ihre Eltern konnten es sich leisten."

An diese Schule wird Ada, ein vierzehnjähriges, blondes, kräftig gebautes Mädchen versetzt, weil sie an ihrer alten Schule einen Mitschüler mit einem Schlagring zusammengeschlagen hatte. Schon bald zeigt sich dass Ada ihren Mitschülern und auch den meisten ihrer Lehrer intellektuell weit überlegen ist. Auf ihre Mitschülerinnen die bereits als "Miniaturprinzessinnen" zur Welt kamen, blickt die Außenseiterin mit Verachtung herab. Sich selbst charakterisiert Ada als einen Menschen, der "ohne Glauben auf die Welt gekommen (ist),wie andere Leute ohne Arme oder Augenlicht geboren werden." Im Laufe des folgenden Schuljahres, Ada hat jetzt den Leistungskurs Deutsch bei dem jungen, freundlich-nachdenklichen, aus Polen stammenden Lehrer Smutek belegt, dessen depressive Frau, sie während einer Klassenfahrt vor dem Suizid gerettet hat, kommt ein neuer Schüler in die Klasse.

"Alev El Qamar, Halb-Ägxpter, Viertel-Franzose, aufgewachsen in Deutschland, Österreich, Irak, den Vereinigten Staaten und Bosnien-Herzegowina, derzeit wohnhaft in einer Godesberger Pension. Achtzehn Jahre, zehn Schulen, kein Rausschmiss, zweimal sitzen geblieben.", stellt er sich dem Lehrer Smutek und der Klasse vor.

Alev ist das, was man einen eiskalten Machtmenschen zu nennen pflegt. Von der Autorin mit mephistotelischen Zügen ausgestattet, "seine Augen, deren Winkel wie bei einer Sphinx auf die Schläfen zielten, waren leicht geschlitzt. Die Brauen bildeten breite, schwarze, seitlich aufwärtsstrebende Striche, die Fingernägel der rechten Hand trug er lang und pflegte sie mit einer Feile." ist es nur eine Frage der Zeit, bis Ada und Alev zueinander finden. Nicht im Sinne einer pubertären Schülerliebe, obgleich sich Ada zu Alev auf unbestimmte Weise hingezogen fühlt. Nein, es ist als ob der Zufall zwei Verhaltensforscher zusammengeführt hat, um ein Experiment durchzuführen. Alev nimmt dabei die Rolle des Forschungsleiters ein, Ada ist seine bereitwillige Assistentin und Smutek, der Lehrer ist das Versuchskaninchen. Und erforscht werden soll die Anwendbarkeit des aus der Spiel- und Entscheidungstheorie bekannten 'Gefangenendilemmas'.

In diesem theoretischen Konstrukt werden zwei Gefangene, die gemeinsam ein Verbrechen begangen haben, vor die Wahl gestellt, dass sie bei einer Aussageverweigerung mit zwei Jahren Haft zu rechnen hätten, würden sie aber ihren Partner verraten, bliebe der eine straffrei, und der andere bekäme fünf Jahre. Sollten beide gestehen, würde jeder von ihnen zu vier Jahren Haft verurteilt werden. In zahlreichen Versuchen hat sich gezeigt, dass bei einer einmaligen Durchführung des 'Spiels' jeder Spieler versucht, seinen Nutzen auf Kosten des Partners zu maximieren, mit dem Ergebnis, dass beide für fünf Jahre in den Knast wandern. Ein anderes Ergebnis wird jedoch dann erzielt, wenn beide Spieler mehrere Male hintereinander vor die gleiche Entscheidung gestellt werden. Dann kann mit Kooperation gerechnet werden.

Bezogen auf ihren Lehrer Smutek hat sich Alev nun folgendes Spiel ausgedacht: Smutek, der neben Deutsch auch Sport unterrichtet, trainiert seit einiger Zeit Ada, die eine hervorragende Läuferin ist, für die Teilnahme an der Kreismeisterschaft. Eines Nachmittags, nach dem gemeinsamen Training verführt Ada Smutek in der Turnhalle. Smutek stürzt mit Ada auf die Turnmatten und die Kopulation wird von Alev fotografiert. Mit der Drohung, die Fotos auf der Internet-Seite der Schule zu veröffentlichen, haben sie jetzt Smutek in der Hand. Sie zwingen ihn jeden Freitagnachmittag in die Turnhalle zu kommen und dort den Akt mit Ada zu wiederholen, der jedes Mal von Alev fotografiert wird.

Und so wie sich bei iterativen Spielen das Verhalten der Spieler ändert, so ändert sich auch im weiteren Verlauf der Geschichte die Rolle Smuteks und sein Verhältnis zu Ada. Smutek gehorcht und fügt sich in seine Opferrolle und genau dadurch verändert sich die Machtbalance zwischen den Dreien. Das Spiel wird beendet durch einen Gewaltausbruch Smuteks. In dem anschließenden Gerichtsprozess zieht die Autorin mit den Worten ihrer Romanfigur Ada ein pessimistisches Fazit:

"Ich breche keine Lanze für die Anarchie. Ich schildere ihnen nur die spezielle Müdigkeit, die jeden befällt, der sich anhören muss, was gut und böse, richtig und falsch sei, obwohl niemand mehr die Grundlagen dieser Unterscheidung zu erklären oder zu benennen vermag. Moral dient der Herbeiführung von Berechenbarkeit. Der Mensch ist, ich wiederhole es noch einmal, am berechenbarsten, wenn er pragmatisch handelt. Wenn er spielt."





                ©Jürgen Heße, Januar 2005

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